Größer, schöner, besser: Das neue Bücherwurmloch liegt jetzt bei Wordpress unter buecherwurmloch.wordpress.com. Sorry wegen der Umständ’ zwecks Favoriten und RSS-Feed, aber es wird der einzige Umzug bleiben, versprochen! Ich freu mich auch im neuen, bebilderten Bücherwurmloch auf Kommentare, Empfehlungen und Diskussionsbeiträge! CU, Mariki
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“Wenn ein Selbstmord missglückt, ist das nicht unbedingt die traurigste Sache der Welt. Dem Menschen gelingt nicht alles.” Mit herrlich zynischem Humor und absolut schrägen Einfällen erzählt der bekannte finnische Autor Arto Paasilinna von Onni Rellonen und Hermanni Kemppainen, die sich zufällig am selben Tag zur selben Zeit in derselben Scheune umbringen wollen. Sie beschließen, den Selbstmord noch ein Weilchen aufzuschieben – und kommen auf die glänzende Idee, sich zusammen mit vielen Gleichgesinnten das Leben zu nehmen. Also geben sie eine Annonce auf – und erhalten 600 Zuschriften von verzweifelten Finnen. Mit einem Bus brechen die Anonymen Streblichen auf zu ihrer letzten Reise …
Auf Arto Paasilinna bin ich durch eine Rezension in den Salzburger Nachrichten aufmerksam geworden, in der er als humorvoller und origineller Autor beschrieben wurde – zu Recht. Der wunderbare Massenselbstmord ist ein Buch, das köstlich amüsiert – mit makaberen Scherzen, düsteren Einsichten in die finnische Seele und abstrusen Wendungen. Überraschend dabei ist, dass die Geschichte einerseits extrem absurd, andererseits aber absolut glaubwürdig ist. Was die Selbstmörder tun und erleben, ist so verrückt, dass man einfach lachen muss. Sehr passend und gut gelungen ist zudem das Ende. Stilistisch gesehen bleibt der Autor für meinen Geschmack zu sehr auf Distanz – das ist aber bei amüsanten Büchern wohl vonnöten, um die humoristische Wirkung erzeugen zu können. Würde er sich einfinden in das Seelenleid der Lebensmüden, wäre es eben nicht mehr witzig. Und das ist es! Schwarzer Humor aus Finnland – lesen und schmunzeln.
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In Hamburg geht ein Mörder um: Er erwürgt junge Tänzerinnen vom Kiez und skalpiert sie. Staatsanwältin Chastity Riley sucht gemeinsam mit ihren Kollegen von der Kripo nach dem Täter. Doch nicht nur der wahnsinnige Haaaresammler, auch ihr 15 Jahre jüngerer und verdammt attraktiver Nachbar Klatsche – ein ehemaliger Einbrecher, der inzwischen als schnellster Schlüsseldienst auf dem Kiez bekannt ist -, Schwindelanfälle und ihre verknallte Freundin Carla machen ihr zu schaffen. Wie gut, dass sie wenigstens noch ihre geliebte Stadt und den Fußballverein von St. Pauli hat.
In einer sehr flapsigen Sprache erzählt Simone Buchholz von einer Heldin, die in der ersten Hälfte des Buchs recht passiv und hilflos wirkt, dann aber – wie könnte es anders sein – noch mitten ins Geschehen gezogen wird. Sprachlich gesehen ist dieser Krimi nicht unbedingt eine Herausforderung, aber der toughe Stil und die sparsam angebrachten, gut eingefügten Sprachbilder passen hervorragend zu der Geschichte, zu Hamburg, zur Elbe, zur Currywurst. Man merkt der Autorin die Liebe zu dieser norddeutschen Stadt und der Mentalität der Menschen, die dort leben, an, in dieser Hinsicht wirkt ihr Krimi sehr authentisch. Ich war im Oktober 2008 zum ersten Mal in Hamburg – und schwer beeindruckt von dieser rauen, sympathischen, alten Stadt.
Staatsanwältin Chastity Riley ist in der Reihe der literarischen Ermittler immerhin eine originelle Figur. Da sie immer so elendig durchschaubar sind, lese ich kaum noch Krimis – diesen hier hab ich aber geschenkt bekommen. Und ich wusste erst nach der Hälfte, wer der Mörder ist – was aber zum Großteil daran liegt, dass erst recht spät in der Geschichte die ersten möglichen Verdächtigen präsentiert werden. Revolverherz ist weder sprachlich noch handlungstechnisch ein besonderes Highlight, bietet aber ein paar Stunden angenehm spannende Unterhaltung, schlimmer geht’s immer.
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Zu Beginn muss ich festhalten, dass ich ein großer Irving-Fan bin – was erklärt, warum ich immer noch seine Bücher lese, obwohl ich es seit Jahren vermeide, mir mehr als ein Buch von einem einzigen Autor zu Gemüte zu führen (so many books, so little time!). Aber. Irving! Ich hab ihn vor 10 Jahren für mich entdeckt und bin der Meinung, dass man ihn – wenn möglich – im Original lesen sollte (vor allem, weil Until I find you NUR 839 Seiten hat, die deutsche Ausgabe aber 1152). Irving ist ein Erzähler, ein Fabulierer, der abschweift und sich abstruse Geschichten ausdenkt, die herrlich verrückt und tragikomisch sind. Nicht anders ist es bei Until I find you, in dem er von Jack Burns erzählt, der ohne Vater aufwächst, dafür aber mit einer tätowierenden Mutter und jeder Menge Frauen – was nicht unbedingt gut für ihn ist.
John Irving weiß noch, wie es ist, ein Kind zu sein – und er kann das Staunen, das Welt-Kennenlernen ganz wunderbar beschreiben. Zu Beginn der Erzählung ist Jack vier Jahre alt und gemeinsam mit seiner Mutter Alice auf der Jagd nach seinem Vater William, einem Orgelspieler und Weiberheld. Sie reisen nach Helsinki, Oslo und Amsterdam, ehe sie aufgeben und sich in Toronto niederlassen. Dort entfernt sich Jack immer mehr von seiner Mutter und gerät in die Fänge verschiedenster Frauen, die – und das ist ebenso kurios wie typisch Irving – fast alle auf seinen kleinen Penis fixiert sind. Jack wird in Amerika erwachsen – und zu einem berühmten Schauspieler. Doch weil er in einem Buch von Irving steckt, erwarten Jack noch jede Menge Überraschungen – und ein schlüssiges, schönes Ende.
Was ich an Irving so mag, ist, dass er selbst nicht zu wissen scheint, was in seinen Geschichten als Nächstes passieren wird. Sie sind nur zu einem Bruchteil vorhersehbar – und das ist für mich ebenso Vergnügen wie Erholung. Er folgt keinem logischen Schema, wie so viele andere Autoren es tun, und dennoch haben seine Bücher einen ganz eigentümlichen Rhythmus. Until I find you ist sehr stark sexuell aufgeladen und teilweise etwas wüst. Einziger Minuspunkt ist die Länge – selbst für mich sind 839 Seiten heftig, vor allem, da es doch zwei bis drei Stellen gibt, an denen sich das Lesen ein bisschen zieht. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch amüsant, fesselnd, absurd und sehr unterhaltsam. Ein Irving eben.
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Die junge Englischlehrerin Runa ist eine Frau, die sich nimmt, was sie will. Doch als jemand Wind von ihrer Affäre mit dem Schüler Jun bekommt und sie bedroht, beschließt Runa, aus Japan zu fliehen. Ralph dagegen, ein Englänger Mitte vierzig, sucht in Japan nach einer zweiten Frau, nachdem seine Ehe mit der Thailänderin Apple gescheitert ist. Er hat ein Faible für asiatische Frauen – sie sollen so schön gefügig sein. Das Schicksal zieht die Fäden und spielt Runa und Ralph einander in die Hände …
Was in der Inhaltsbeschreibung ein bisschen klingt wie ein vorhersehbarer Schinken mit Asien-Touch, entpuppt sich in Wahrheit als erstaunlich gut geschriebener Unterhaltungsroman mit einem so krassen Ende, dass es sogar mich überrascht. Susanna Jones kennt sich aus in Japan, das merkt man. Und es gelingt ihr auch verblüffend gut, sich in einen Mann hineinzufühlen, der von der abscheulichen Möglichkeit, eine Frau aus dem Katalog zu bestellen, Gebrauch macht oder zumindest machen will. Die Geschichte entwickelt sich nicht ganz so wie erwartet – und das ist auch gut so. Water Lily ist die spannende Erzählung einer unbekannten Autorin – das Buch ist, so weit ich weiß, nicht auf Deutsch erhältlich – mit interessanten Einblicken in japanische Gepflogenheiten und, wie man so schön sagt, menschliche Abgründe. Durchaus lesenswert!
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Kommet und lasset euch zählen!
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Es sind die verschiedensten Gestalten, die Jakob Hein in seinem Buch zusammenwürfelt: Da gibt es Boris, der die Agentur der verworfenen Ideen gegründet hat, Sophia, die Gedanken lesen kann und ins Koma fällt, und Heiner, der den Sinn des Lebens sucht. Ob sie überhaupt etwas miteinander zu tun haben und wenn ja, was, bleibt erst einmal unklar – wird aber zum Schluss auf angenehme Weise enträtselt. Die einzelnen Kapitel sind ineinander verschachtelt, bleiben aber jeweils recht fragmentarisch.
Dieses Buch wirkt auf mich wie eine etwas längere Kurzgeschichte – für einen Roman mit einer umfassenden Handlung, in die man sich richtig fallen lassen kann, ist mir das zu wenig. Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht ist aber ein nettes, kurzweiliges Drei-Stunden-Büchlein mit einem schönen Titel, das sich in einem Rutsch lesen lässt.
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Uschman stammt aus dem Iran und hat sich in New York einen gut gehenden Teppichhandel aufgebaut. Sehnsüchtig wartet er auf seine Frau Farak, die wegen Uschmans kranker Mutter in Tabris geblieben ist. Doch nach drei einsamen Jahren wird ihm langsam klar, dass Farak nicht kommen wird. Aus der Verzweiflung, in die er fällt, reißt ihn die Begegnung mit der jungen, hübschen Studentin Stella. Er ist fassungslos darüber, dass sie sich für ihn interessiert – denn die beiden stammen aus zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Meg Mullins entspinnt eine wunderschöne, kleine Liebesgeschichte zwischen einem naiven, unerfahrenen Mädchen und einem einsamen, enttäuschten Mann. Zart und behutsam hüllt sie die beiden in einen Schutzmantel, lässt aber auch die Bitterkeit und Fremdheit, die mit Intimität einhergeht, nicht unerwähnt. Das gibt ihren Figuren viel Glaubwürdigkeit und macht die Geschichte realistisch. Uschman lebt in der Fremde und ist ein Zerrissener, Stella hat ihre eigenen Sorgen und urteilt vorschnell. Vom Topscore der 5 Punkte hält mich nur das Ende ab, mit dem ich leider sehr unzufrieden bin. Das ist aber mal wieder extrem subjektiv – alles in allem ist dieses Buch gut geschrieben, sehr einfühlsam, sehr lesenswert.
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Philippe Dijan schreibt an einem Roman. Und er liebt Nina. Oder zumindest bumst er mit ihr am liebsten. Nun versucht er, beides unter einen Hut zu bringen. Und das ist scheinbar nicht so einfach. Denn ständig passieren ihm Dinge, die ihn von einem der beiden Vorhaben ablenken – andere Frauen kommen ihm dazwischen, Joints, Alkohol, ernsthafte Geldsorgen und eifersüchtige Männer. Deshalb hat Philippe Dijan jede Menge Schwierigkeiten in diesem verflucht heißen Sommer.
Eins wird schnell klar: Philippe Dijan ist ein Mann und er schreibt wie ein Mann. Was das für ein Urteil sein soll? Bisher ist es mir noch nie eingefallen, ein Buch geschlechtsspezifisch einzuordnen. Aber dies ist eindeutig ein sehr männliches Buch. Denn auch wenn ich Sympathie für den rasanten, abgefuckten Stil aufbringe, für die Einsichten in das Leben eines Autors, aus dem eine Geschichte mit aller Macht hervorbricht, so habe ich doch irgendwann die Nase voll vom Biersaufen und Weiberbumsen. Es stört mich nicht, dass so viel gebumst wird. Aber ich kann eben mit der männlichen Art, sich damit zu brüsten, nicht viel anfangen. Vermutlich muss man den Lebensstil, den Philippe Dijan hier beschreibt, selbst gut finden, um dieses Buch zu mögen. Denn in dieser Beschreibung des verrückten Alltags eines verrückten Schriftstellers vermisse ich ein bisschen den roten Faden, der Sinn hinter dem Ganzen. Doch vielleicht ist das ja auch die Botschaft: dass es keinen Sinn gibt.
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Man stelle sich folgende Szene vor: Die Mutter öffnet einem die Tür und sagt “Hello Darling” – weil sie sich nicht an den Namen ihres Kindes erinnern kann. So geht es Veronica mit ihrer Mutter, die 12 Kinder geboren und 7 Fehlgeburten erlitten hat. Und Veronica kommt mit einer schlimmen Nachricht: Bruder Liam hat sich umgebracht.
Wie mit einem Skalpell seziert Anne Enright eine Familie, in der es so viele Mitglieder gibt, dass der Zusammenhalt alle überfordert. Die Beziehungen der Geschwister untereinander sind kompliziert und vielschichtig, alle haben sie ihre Schwierigkeiten im Leben. Veronica hat Liam von allen am meisten geliebt – und konnte ihn doch nicht retten. Sie will die Geschichte erzählen, die zu Liams Selbstmord geführt hat, und setzt sich mit schmerzhaften Erinnerungen auseinander. Das beschreibt Anne Enright mit so viel Einsicht und Klugheit, dass es beinahe weh tut. Sie ist in ihrer Figurenskizzierung so ehrlich, dass die Protagonisten so wirken, als könnte man sie anfassen. Dieses Buch ist richtig gut geschrieben, wartet mit interessanten Wendungen auf und geht mir noch lange nach der letzten Seite nicht aus dem Kopf. Ein Highlight.
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