Es ist der Krieg, um den sich alles dreht in Walter Kempowskis Roman, der zu einem größeren Zyklus über Deutschland gehört. Wir befinden uns in Ostdeutschland und die Russen stehen praktisch vor der Tür – doch Katharina, ihr Sohn Peter und das Tantchen verschließen Augen und Ohren vor der drohenden Gefahr und bleiben auf ihrem Gut. Sie haben noch genug zu essen, man merkt dem Haushalt den vergangenen Reichtum an. Der Mann ist an der Front, die Zurückgebliebenen sind einigermaßen hilflos. Sollen sie das Hitlerbild abhängen oder nicht?

In einem merkwürdigen und verworrenen Stil beschreibt Walter Kempowski den Krieg aus der Sicht unbeteiligter und unwissender Ostdeutscher, die aus ihrer Heimat vertrieben werden. Andauernd stellt er Fragen – und zwar buchstäblich, statt Aussagesätze zu schreiben. Das finde ich nicht witzig. Beantwortet werden diese Fragen nämlich nie, auch zum Schluss nicht – selbst der letzte Satz ist eine Frage. Ich weiß schon, dass dieses Buch bei mir wenig Chancen hatte – denn ich mag keinen altmodischen, ausufernden Schreibstil und ich mag auch keine Kriegsberichte mehr. Insofern war ich der denkbar schlechteste Leser für diesen Roman. Ich hab mich einfach nur gelangweilt.

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A. J. Jacobs ist ein Freak. Wer das noch nicht weiß, erfährt es spätestens beim Satz “Tonight I invited a Jehovah’s Witness into my home.” Sein erstes Buch handelt davon, wie er in einem Jahr die gesamte Encyclopedia Britannica gelesen hat. Und nun berichtet er von dem Jahr, in dem er streng nach der Bibel gelebt hat. Witzig gleich zu Beginn: Auf der ersten Seite sieht man die wundersame Wandlung des Normalo-Jacobs zum Jesus-Jacobs mit Terroristenbart. Der Typ hat echt einen Schatten.

In einem sehr genauen, täglichen Bericht gibt Jacobs zu Protokoll, was er aus der Bibel – im ersten halben Jahr aus dem Alten, im zweiten halben Jahr aus dem Neuen Testament – erfährt und wie er versucht, das in seinem modernen New Yorker Alltag umzusetzen. Das sieht dann so aus, dass Jacobs im Stadtpark Menschen mit Kieselsteinen steinigt, dass er Gott Oliven opfert und die Amish besucht. Man muss diesem Psycho zugute halten, dass er sich ernsthaft mit den verschiedenen Interpretationen der Bibel auseinandersetzt – er besucht Rabbis und Betgruppen, spricht mit einem Zeugen Jehovahs und reist sogar nach Isreal. Währenddessen plagt sich seine Frau Julie nicht nur mit einem zweijährigen Sohn und einer Schwangerschaft, sondern auch einem verrückten Ehemann, der eine Kutte trägt und sie nicht berührt, wenn sie unrein ist.

Stellenweise ist The year of living biblically wirklich sehr amüsant, stellenweise aber auch öde und langweilig. Während ich bei Britannica & ich den zusätzlichen Wissensgewinn sehr geschätzt habe, bietet die Bibel mir – die ich sieben Jahre ministriert habe – keine neuen Erkenntnisse. Interessant ist, zu sehen, wie Jacobs – während er sich mit dem Opium fürs Volk beschäftigt – selbst in eine Art Rausch gerät. So ist dieses Protokoll eines Wahnsinnigen zwar originell, man muss es aber definitiv nicht gelesen haben.

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Die Italiener sind bekannt dafür, sehr melancholische, fast schon depressiv machende Bücher zu schreiben und zu lesen. Das trifft nicht immer meinen Geschmack. In diesem Fall aber passt es sehr genau – denn Paolo Giordano, jüngster Preisträger des renommierten Premio Strega ever, würzt die Realität in seinem Buch Die Einsamkeit der Primzahlen mit einer erträglichen und schmackhaften Prise Melancholie. Der Ton seines Romans ist ebenso traurig wie der seiner Schriftstellerkollegen – aber er schreibt dabei so anschaulich und glaubhaft, dass man Zugang findet zu seinen Protagonisten und mit ihnen mitleidet.

Alice und Mattia haben beide in jungem Alter etwas erlebt, das sie aus der Bahn des normalen Erwachsenwerdens geworfen hat, das sie abgeschnitten hat von sich selbst und das ihnen das Zusammensein mit anderen erschwert. Bei Alice war es ein Skiunfall, Mattia dagegen ist für das Verschwinden seiner Zwillingsschwester verantwortlich. Mit großen Zeitsprüngen zwischen den einzelnen Kapiteln erzählt Giordano davon, wie Alice und Mattia einander umkreisen, einander Halt geben und einander brauchen – ohne den Moment zu finden, in dem sie die unsichtbare Mauer zwischen ihnen überwinden könnten. Es ist ein schönes Bild, das Giordano zeichnet, jenes der Primzahlzwillinge, die sich immer nahe sind, einander aber nie berühren können.

Unverkrampft und ohne die jungen Autoren oft eigene Coolness erzählt Giordano von zwei zerstörten Individuen und gibt seinem Roman ein Ende, das wohl unausweichlich ist, das ich mir aber dennoch anders gewünscht hätte. Er findet wundervolle, unbeugsame Metaphern und passt sich sprachlich an die traurigen Ereignisse an. Das ist Melancholie in ihrer schönsten Form. Fünf Punkte.

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Er ist ja ganz schön berühmt, der Haruki. Kafka am Strand hab ich von ihm schon vor Jahren gelesen, aber das war mir zu wirr und zu surreal. Gefährliche Geliebte hat mir nun eine Freundin geliehen – und da es ein eher dünnes Büchlein ist, habe ich ihm noch mal eine Chance gegeben. Bereut hab ich das zwar nicht, aber nötig war es auch nicht unbedingt. Denn auch wenn Murakami ganz gut schreiben kann, ist bei mir keine grenzenlose Begeisterung aufgekommen. Tut sie ja aber auch so gut wie nie.

Schön ist, dass Murakami einen ruhigen, steten Erzählfluss schafft und dass er das Geheimnisvolle der Geschichte gut einfängt. Hajime ist schon seit seiner Kindheit in Shimamoto verliebt, hat sie jedoch mit 12 Jahren aus den Augen verloren. Später, als er bereits verheiratet ist, zwei Kinder und zwei Bars hat, taucht die schöne Shimamoto wieder auf – und zieht Hajime erneut in ihren Bann. Er ist verloren. Aber Shimamoto bleibt ein Rätsel – bis zum Schluss.

Und das ist weniger schön: Dass das Geheimnis nicht gelüftet wird, dass die Begegnungen zwischen Hajime und Shimamoto fragmentarisch bleiben. Das muss man mögen, und ich bevorzuge klare Auflösungen. Auch wenn Murakami ein guter Erzähler ist, so ist er kein meisterlicher Literat. Ein angenehm lesbares kleines Buch für zwischendurch, nicht mehr und nicht weniger.

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Benedict Wells ist jung, zum Zeitpunkt seines Erstlings war er 23, und schnell stilisiert die Verlagswelt einen solchen Autor zum literarischen Wunderkind. Aber: literarisches Wunderkind my ass. Wells erster Roman über einen alternden, gescheiterten Musiker, der sich als Lehrer verdingt, und ein junges, unselbstständiges Musikgenie hat gute Ansätze – aber leider auch einige Schwächen. Für mich lassen besonders Sprache und Stil zu wünschen übrig. Ich mag die Idee des Buchs, die Gegenüberstellung von zwei Personen, von denen jeweils der andere hat oder bekommt, wonach der eine strebt, auch das Vorhaben, das Porträt eines frustrierten Enddreißigers zu zeichnen, finde ich gut.

Was die Formulierungen betrifft, so kann sich Wells meiner Meinung nach nicht aus der Mittelmäßigkeit herausheben. Schon auf Seite 111 muss ich den Satz lesen “Er fühlte sich leer und ausgebrannt”. Und ich will diesen abgeschmackten, inhaltslosen Satz nicht lesen, niemals, er sollte in keinem Buch mehr vorkommen, das ist in meinen Augen unterste Schublade. Auch mit der Grammatik scheint es zumindest stellenweise nicht so zu klappen, oder warum heißt es “Beck holte einen Lappen und wischte den Thunfischbatzen ärgerlich weg” und nicht “verärgert”? Ja, ich bin kleinlich, ich weiß es, aber in den Momenten, in denen ich das lese, wird mir ganz heiß und ich würde das Buch sehr gerne mit einem Knall zu Boden fallen lassen. Wenn ich mich nicht immer genötigt fühlen würde, weiterzulesen.

So gehen dann also der Deutsch- und Musiklehrer Beck, das musikalische Genie Rauli und der drogensüchtige Deutschafrikaner auf eine Reise, sie fahren mit einem gelben VW quer durch Europa nach Istanbul und erleben dabei so allerhand Action. Der Roadtrip kommt für meinen Geschmack viel zu spät im Buch, bis es endlich losgeht, zieht es sich ganz schön. Auch wird davor, währenddessen und danach viel philosophiert, über das Leben, die Liebe, die Musik. Das soll rasant sein, ich finde es aber leider einschläfernd. Dass der Autor sich als Ich-Erzähler selbst einmischt, mag originell sein, mir gefällt es aber – ganz subjektiv – nicht. Immerhin ist das Ende halbwegs stimmig.

Was also bleibt zu sagen? Vielleicht nur so viel:
“Wegen der ungefähr fünfzig Seiten, die mich als notgeilen Idioten dastehen lassen, der sich zu den Fotos seiner minderjährigen Schülerinnen einen runterholt und seine Kollegen hasst.”
“Ach, das ist nur Literatur.”
Achja.

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Vor Jahren habe ich mir Siri Hustvedts What I loved zu Gemüte geführt und es sehr gemocht, ein kluges und trauriges Buch. Ich muss gestehen, dass ich Hustvedt lieber lese als ihren Mann Paul Auster, ich mag ihren Stil, der sehr klar ist und nachdenklich. Ab und zu schweift sie für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr ins Überintellektuelle ab. Vielleicht ist das ein New Yorker “Must”? Da es sich aber in Grenzen hält, kann ich es verschmerzen - wie in The Sorrows of an American, in dem der Psychiater Erik in der Ich-Form von seinen Patienten, seiner Schwester Inga und seiner Nichte Sonia, seinem verstorbenen Vater Lars und seiner Untermieterin Miranda, in die er sich verliebt, erzählt.

Im Nachlass findet Erik Tagebücher und Notizen seines Vaters sowie einen mysteriösen Brief einer gewissen Lisa. Um sich seinem Vater näher zu fühlen, liest Erik dessen Aufzeichnungen über das Leben auf einer Farm und die Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg, und er sucht mit Inga nach jener Lisa. Die Familie stammt ursprünglich aus Norwegen. Inga hat mit eigenen Problemen zu kämpfen: Ihr Mann, der Schriftsteller Max, ist gestorben, sie vermisst ihn sehr. Und dann ist da noch die Jamaikanerin Miranda mit ihrer Tochter Eglantine, die Erik immer mehr bewusst machen, wie einsam er ist.

The Sorrows of an American ist ein leises, vorsichtiges Buch über Liebe und Verlust, über den Kampf mit der Vergangenheit und gegen die Einsamkeit. Siri Hustvedt schreibt sehr bedacht und selten ohne Hintergedanken, sie lässt ihre Protagonisten viel grübeln und viel fühlen. Inhaltlich ist die Geschichte nicht unbedingt preiswürdig, aber sie ist gut erzählt, gut strukturiert und gut recherchiert. Hier geht es mehr um die Sprache, um das Einfühlen in die Figuren, um das Mitleiden mit ihnen. Mir hat es richtig gut gefallen, das ist genau mein Geschmack.

Lieblingszitat: That is the strangeness of language: it crosses the boundaries of the body, is at once inside and outside, and it sometimes happens that we don’t notice the threshold has been crossed.

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Als besondere Empfehlung einer befreundeten Leseratte ist dieses Buch bei mir gelandet: Und ich wusste gar nicht, was ich erwarten sollte außer Schnee und Einsamkeit. Davon gibt es auch eine Menge in diesem abgeschiedenen Wald in Maine: Hier lebt Julius Winsome in einer einsamen Hütte, zusammen mit seinem Hund Hobbes und über 3000 Büchern, die ihm sein Vater vererbt hat. Sein ganzes Leben hat Julius bereits in dieser Hütte verbracht, er kennt den Wald, er kennt den Himmel, die Tiere, die Jäger. Er ist ein friedfertiger und belesener Mann. Doch als Hobbes erschossen wird, ist es mit Julians Friedfertigkeit vorbei. Er spürt plötzlich ein völlig neues Gefühl. Das Bedürfnis nach Rache.

Es überrascht mich selbst, dass ich Donovan seine Geschichte aus dieser fast menschenleeren Ödnis glaube. Es gelingt ihm auf verblüffende Weise, aus seinem Protagonisten einen kaltblütigen Killer zu machen, ohne dass man als Leser die Sympathie für ihn verliert. Autor und Leser stehen auf der Seite des Mörders. Das macht aus diesem Roman eine spannende und faszinierende Studie einer methodischen Racheaktion. Und hinter allem steht die Liebe, unabhängig von ihrer Form. Schön sind auch die eingebundenen Hinweise auf die Literatur, mit der sich Julius vor der Kälte schützt. Und der Autor hat gut recherchiert: Informativ und gleichzeitig nicht uninteressant schreibt er vom Krieg, vom Schießen, vom Jagen, vom Töten. Geschickt dehnt er die fesselnden Momente durch Einschübe mit allgemeinen Informationen.

Winter in Maine ist ein gnadenloses, ein originelles und sehr eindrucksvolles Buch. Die unglaublichen Ereignisse in der Ruhe der Abgeschiedenheit entwickeln einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, der zum Weiterlesen zwingt. Und man muss nachdenken über diese Geschichte, ob man will oder nicht. Sehr lesenswert!

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Jedes Jahr wird Marie 40 Jahre alt: zumindest für ihren Mann, den Politiker Max. Denn Jahr für Jahr lässt er ihr 40 Rosen schicken und organisiert eine Farce, damit Marie nie älter wird. Er hat sich zielstrebig hochgearbeitet in die Regierung, kennengelernt haben sich die beiden während des Krieges, als Max noch Student war und Marie Klosterschülerin. In Rückblenden erzählt Marie von ihrer Familie, von ihrem jüdischen Vater und den Generationen von berühmten Schneidern, die ihm vorangingen. Maries Vater tut alles dafür, dass aus seiner begabten Tochter eine erfolgreiche Pianistin werden kann. Doch Marie stellt ihr Leben in den Dienst als Gattin eines Politikers.

Thomas Hürlimann beschreibt anschaulich ein bekanntes Klischee: Er erzählt von einer Frau, die ihren Traum aufgibt und sich der Karriere ihres Mannes sowie dem gemeinsamen Sohn widmet. Dieser Aspekt des Buchs steht aber nicht allein im Vordergrund, er ergibt sich vielmehr aus den Berichten von Maries Kindheit und Jugend, die überschattet werden vom Zweiten Weltkrieg und der Gefahr, in der sich Maries Vater, Schneider Katz, befindet. Eine Rolle spielt auch der Katholizismus, dem Maries Mutter und ihr Bruder völlig verfallen.

Es wird deutlich, dass Thomas Hürlimann sein Handwerk versteht: Die Erzählung plätschert ruhig dahin, ist gut geschrieben und wartet mit einigen schönen Metaphern auf. Gerade die Passagen aus der Vergangenheit gefallen mir gut, die aktuellen sind mir zu uninteressant – denn auch wenn der Autor seine Geschichte gut präsentiert, frage ich mich doch ab und an, warum er mir das erzählt und was daran so weltbewegend sein soll. Denn stellenweise ist das Buch dann so langweilig wie eben Maries Leben als Ehegattin.

Lieblingszitat: Dinge verwittern langsamer, sehr viel langsamer als Menschen. Deshalb lieben wir Bücher und Bilder. Sie handeln von der Zeit, ohne ihr zu unterliegen.

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Meine Freundin aus Mailand hat mir dieses Buch zum Geburtstag geschenkt – und obwohl ich grundsätzlich keine Kurzgeschichten mag, finde ich es gar nicht unangenehm, in einer Fremdsprache welche zu lesen, hier kommt mir das Kurze natürlich weniger zugute, weil es weniger kompliziert ist.

Was kommt alles in einer italienischen Bar vor? Der Fernseher, auf dem Sport läuft, das Kind, das Eis kaufen will, ein Telefon, ein schmieriger Kellner, ein betrunkener alter Mann und ein Flipper-Automat … Sie alle verpackt Stefano Benni in witzige und absurde Geschichten rund um den Alltag in einer italienischen Bar, in der sich das halbe Leben der Menschen abspielt. Es geht um Liebe, um Alkohol, um die kleinen Freuden und um Freundschaften. Dabei bedient sich der Autor liebend gern des Stilmittels der Übertreibung und lässt den Leser mehrmals schmunzeln.

Wenn man schon öfter in Italien war und sich in den landestypischen Bars und Cafés ein bisschen umgesehen hat, wird man in den abstrusen Geschichten von Bar Sport so manches Detail wiederentdecken. Gleichzeitig gilt aber der Umkehrschluss: Für jeden, der nicht weiß, dass die Italiener in ihren Bars frühstücken, fernsehen, sich verlieben und leben, wird dieses Buch eher verwirrend und weniger witzig sein. Es gibt aber auch zahlreiche Stories, die sich nicht in einer Bar abspielen, sondern in ganz Italien – und die genauso grotesk sind. Nette Unterhaltung für zwischendurch!

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In meiner Schulzeit haben wir uns im Deutschunterricht mit nichts beschäftigt, auf dem nicht Goethe oder Schiller stand, trotzdem hatte ich natürlich schon das eine oder andere über Brave New World gehört und wusste, worum es geht: Überrascht hat mich dennoch der wunderbar zynische Ton des Buchs, das eine albtraumhafte, ins Extreme verzerrte Zukunft entwirft. Denn in dieser Zukunft leben nur gezüchtete, herankonditionierte und perfekt manipulierte Menschen, die alles miteinander teilen, niemals krank sind, immer jung und schlank bleiben und brav kosumieren. Dies ist das Bild einer Gesellschaft, wie sie sein könnte, würden alle Bestrebungen um Konsum, Jugendwahn und Konfliktlosigkeit bis an ihr Ende verfolgt werden.

Natürlich gibt es einen, der sich nicht so recht einfügen mag ins Kollektiv, Bernard Marx, ausgebrütet als Alpha-Plus, passt nicht ins Schema. Er findet kein Vergnügen an der Droge Soma und auch nicht am Jeder-mit-jedem-Sexleben, er hat Sehnsucht nach Gefühlen, er will etwas spüren. Mit Lenina Crowne, einem braven Beta-Mädchen, angepasst und glücklich, reist er in ein Reservat, in dem noch echte Menschen leben, die – oh my Ford – Eltern haben, eine Mutter, einen Vater, echte Wilde, die an einen Gott glauben und heiraten. Dort lernen sie den jungen John kennen, der im Reservat aufgewachsen ist und noch eher dem gleicht, was wir unter einem Menschen verstehen. Er ist das Gegenstück zur sogenannten Zivilisation – und als er die schöne neue Welt betritt, nimmt das Drama, wie könnte es anders sein, seinen Lauf.

Es ist wohl gleichgültig, zu welcher Zeit man Brave New World liest – man findet stets genügend erschreckende Parallelen zur momentanen Gesellschaft. Aber Huxley drückt dem Leser nicht einfach nur moralisch-ethische Ansichten aufs Aug, er erzählt auch eine Geschichte und präsentiert eine rasante Handlung. Natürlich regt dieses Buch zum Nachdenken an, geschickt stellt Huxley die beiden Positionen “unglücklich, aber frei” und “konditioniert, aber sorglos” einander gegenüber. Was wollen wir? Ein Leben, das wir getreu nach Richtlinien, Medien und Konsumgedanken leben in einer künstlichen Welt ohne Bücher und ohne Blumen? Oder die Einsamkeit der Willensfreiheit, der Fehlentscheidungen, in einer Welt voller Gefühle, Farben und echter Erlebnisse? Brave New World ist völlig zu Recht ein Klassiker, den man gelesen haben sollte.

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